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Becky Chambers

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten


 
»Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten« von Becky Chambers


Besprochen von:
 
D. Vallenton
Deine Wertung:
(4.5)

 
 
Unter falschem Namen schleicht sich die junge Rosemary Harper an Bord des Raumschiffs Wayfarer, dessen Aufgabe es ist, Wurmlöcher in das Universum zu „stanzen“ und so für den intergalaktischen Handeslverkehr die Reisezeit von A nach B zu verkürzen. Rosemary stammt aus einer Familie, auf dessen Vergangenheit sie nicht gerade besonders stolz ist. Was also liegt näher, als unter einem neuen Namen noch einmal von vorne anzufangen?

Der Dienst auf der Wayfarer erweist sich als ernüchternd. Einzig die Besatzung, eine bunte Mischung verschiedener intergalaktischer und terrrestrischer Unikate, verspricht Kurzweil und eine Menge an angenehmen Unterhaltungen. Während das Schiff sich auf den langen Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, tief im fernen Toremi Sektor begibt, um dort ein neues Wurmloch zu kreieren, gewinnt Rosemary in der intergalaktischen WG an Bord des Schiffes neue Freunde und neue Ansichten.

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Ohne Frage gehört Becky Chambers Buch Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (OT: The long way to a small angry planet), zu jener Gruppe von Büchern, die man getrost mit dem Stempel Das will nur spielen, das beißt nicht versehen kann. Würde man sich die Mühe machen und ein liebenswürdigeres und harmloseres SF Buch suchen, man würde wohl keines finden. Dieses Buch ist so süss, lieb und anschmiegsam, dass man es einfach gerne haben muss. Und genau das habe ich – es gerne.

Wer jemals wissen will wie er sich das Leben in einer Raumschiff WG vorzustellen hat, muss nur zu diesem Buch greifen. Selten erlebt man so viel Einigkeit und Goodwill unter den Angehörigen fremder Spezies wie hier. Die eigentliche Handlung, oder sollte ich sagen: das Ziel dieser Reise, nämlich die Erschaffung eines neuen Wurmlochs im Toremi Sektor, ist so unbedeutend, dass sie nur gegen Ende hin einen größeren Rahmen erhält. Nicht die Erfüllung der Aufgabe ist das Ziel, sondern der Weg dorthin. Genau aus diesem Grund ist auch der Tiel des Buches so unglaublich passend, denn alles (!) dreht sich nur um den Weg zu dem kleinen zornigen Planeten und um das, was alle an Bord der Wayfarer auf ihrer Reise dorthin erleben.

In diesem Buch „menschelt“ es an allen Ecken und Kanten. Es ist hoch emotional und voller Wärme. Selbst die Piraten, die es tatsächlich wagen das Leben der Freunde WG durch einen Überfall zu dramatisieren, haben wenigstens den Anstand, sich für ihren Überfall zu entschuldigen und auch nur das Allernötigste, das sie selber für ihr Überleben brauchen, zu stehlen. Wenn das nicht zuvorkommend ist, was dann?

Sollte dieses Buch jemals verfilmt werden, kann es nur einen passenden Titelsong geben: John Paul Youngs „Love is in the air“ (Everywhere I look around). Nur um es gleich klarzustellen: Ich, Militarist und Fan der Werke eines Neal Ashers oder David Webers, liebe dieses Buch. Vielleicht liebe ich es genau deshalb, weil es eben nicht von Gewalt, Dystopie oder negativem und morbidem Flair durchsetzt ist. Weil das Buch die Hoffnung wiedergibt, dass noch nicht alles verloren ist, das Angehörige völlig fremder Rassen in Frieden und Einklang leben können – wenn sie es denn wirklich wollen.

Oh, bitte nicht falsch verstehen. Auch in diesem Buch gibt es durchaus dunkle Seiten die Chambers uns erzählt. Die Erde ist nicht mehr, die Menschheit im All zerstreut. Auch bei den Außerirdischen ist nicht alles eitler Sonnenschein. Die Toremi sind eine chaotische Rasse, mit sich selbst und mit allen anderen im Krieg. Der sich anbahnende Frieden wird jäh unterbrochen und artet in Gewaltätigkeit aus, unter denen besonders die Freunde WG an Bord der Wayfarer zu leiden hat.

Aber, das ist durchaus OK. Wären solche Momente nicht anzufinden, würde die Geschichte doch zu sehr unter ihrem rosaroten Häschenmodus leiden und ungenießbar überzuckert sein. Aber, dieser Krieg und dieser Unfriede sind nicht der Hauptbestandteil der Geschichte, sondern erden sie eher. Sie sorgen dafür, dass nicht alle Beteiligten auf Wolke Sieben schweben und erinnern sie, und uns als Leser, daran, dass es neben den sonnigen Tagen halt auch die regnerischen gibt. Und das ist in diesem Fall auch wirklich gut so.

Das Handlungsgerüst ist aufgrund der Geschichte natürlich recht dünn. Das darf man einfach nicht verschweigen. Es wird nur durch die Erzählung zwischenmenschlicher / zwischenrassischer Beziehungen zusammengehalten. Wer auf so etwas nicht steht, sollte einen Bogen um das Buch machen. Das es dennnoch so gut bei großen Teilen der Leserschaft angekommen ist, zeigt das schriftstellerische Potenzial, das bei Chambers vorhanden ist. Trotz einer fast nicht vorhandenen Spannungskurve, schreibt sie recht angenehm und kurzweilig.

Die sozialen und kulturellen Hintergründe, die sie ihren Außerirdischen auf den Leib geschrieben hat, sind durchaus faszinierend und sehr gut ausgearbeitet. Hier zeigt sich unter anderem der enorme Einfallsreichtum von Chambers. Auch die Charaktere wachsen auf der Reise an ihren Aufgaben und Erlebnissen und verharren nicht auf einem Status Quo. Chambers nimmt sich viel Zeit, um sie so adäquat und tiefgründig wie möglich zu beschreiben. Auch die Dialoge zwischen den Charakteren wirken nicht wie einfach nur dahingerotzt. Sie sind bisweilen recht tiefsinnig und immer zielführend.

Wie viele der neueren Autoren (Philip Peterson, Andy Weir oder Adrian Walker) mußte auch Becky Chambers ihr Buch erst im Eigenverlag veröffentlichen. Die Finanzierung erfolgte über die Crowdfundingplattform Kickstarter, bevor das Buch dann in Großbritannien und den USA über größere Verlage aufgelegt wurde. 2016 wurde das Buch für den Arthur C. Clark Award als beste SF Novelle nominiert, mußte sich aber Adrian Tchaikovskys Werk Children of time geschlagen geben.

Mit ihrem zweiten Buch A Closed And Common Orbit, erzählt Chambers eine weitere Geschichte die im gleichen Universum wie die vorliegende spielt. Es ist ein stand-alone-Sequel und behandelt die weiteren Erlebnisse von Lovelace, der ehemaligen und schwer gebeutelten KI an Bord der Wayfarer, und von Pepper, ihrer neuen menschlichen Freundin.

· Verlag: FISCHER Tor
· Taschenbuch: 544 Seiten
· Sprache: Deutsch
· ISBN-10: 3596035686
· ISBN-13: 978-3596035687
 
 
 


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